Unsere Historie
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er Weinbau hat in unserer Familie eine lange Tradition. Über 100jähriges Wissen prägt die Charakteristik unserer Weine.

Prolog

Nicht Aufgeschriebenes verblasst mit der Zeit und geht verloren. Deshalb hat unser Vater, Karl sen. verst. 2013, die Jahrzehnte nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft für uns alle aufgezeichnet.

Karl Schabel Senior
Karl Schabel sen. (verst. 07.11.2013)

Februar 1948

Endlich – nach elf harten Kriegs- und Gefangenschaftsjahren kam ich wieder nach Prottes heim. Ich danke Gott dafür, dass ich diese Zeit mehr oder weniger heil überstanden habe.

So fand ich meine Heimat vor

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as Haus meiner Schwiegereltern war zwar abbruchreif aber wir waren froh, dass wir ein Dach über den Kopf hatten. Damals wurde Prottes noch vom offenen Ortsgraben durchzogen. Bei Gewitter führte er Hochwasser, so dass ein Viertel der Anwesen regelmäßig überschwemmt und dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Zu diesen Häusern gehörte auch unseres. Zudem wurde es von zwei Fliegerbomben beschädigt. Uns, meiner Frau Wetti, unserer Tochter Irmgard und meiner Schwiegermutter, blieb nichts anders übrig, als in diesem Trümmerhaus zu wohnen. Die drei Frauen hatten sich während meiner 11-jährigen Abwesenheit vom Ertrag der kleinen Landwirtschaft durchgebracht.

Von meinem Vater konnte ich mich nicht mehr verabschieden, er verstarb 1946. Mein Schwiegervater ging im Jahr darauf und somit lag es an mir, das kleine landwirtschaftliche Erbe im Nebenerwerb weiterzuführen. Hauptberuflich habe ich nach meiner Heimkehr, den Malerpinsel gegen eine Anstellung bei den ÖBB getauscht.

Alles was ich vorfand und was ich zu Geld machen konnte, war ein Fass Wein. Von diesem und dem Ertrag der nächsten Lesen kaufte ich Baumaterial und begann unser Haus neu zu bauen. Mischmaschine hatten wir keine, dafür viele helfende Hände meiner Arbeitskollegen. 1954 war es soweit: Wir konnten in das neue Haus übersiedeln.

Zu meiner Dienststelle in Hohenau bin ich bis Angern mit dem Moped und dann mit dem Zug gefahren. Auto habe ich mir keines leisten können, denn das Ersparte ist in, für den Weinbau notwendige Maschinen geflossen.

1955 hat mich das Schicksal nochmals hart erwischt. Meine Frau Wetti ist verstorben und ich stand mit der neugeborenen Margarete, der 15-jährigen Irmgard und meiner Schwiegermutter alleine da. Die beiden Kinder mussten versorgt, die Felder und Weingärten bestellt werden und ich hatte meinen Arbeitsplatz bei den ÖBB. Es war eine sehr schwere Zeit. Ich bin dankbar, dass ich es trotz allem geschafft und später meine zweite Frau Poldi kennen und lieben gelernt habe.

Poldi berichtet, wie mühsam die Hausarbeit früher gewesen ist und wie die Einstellung der alten Generation zu technischen Neuerungen war:

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nfangs haben wir die Wäsche mit Bürste und Rumpel gewaschen. Anfang der 60er Jahre konnten wir uns die erste Waschmaschine kaufen – ein Halbautomat der Marke Miele. Halbautomat deswegen, weil die Schleuder extra zu befüllen war.

Die im Hause lebende Großmutter sagte dazu: „Erzähl’ das ja niemanden im Ort. Drei Frauen sind wir im Haus und eine Maschine zum Waschen wird angeschafft!“ Als wir ein Linoleum im Vorraum über den Betonboden gelegt haben, meinte sie dazu: „Ihr müsst Geld haben, dass ihr sogar darauf spazieren geht“.

Das Brot haben wir nicht fertig gekauft sondern selbst gemacht und beim Bäcker backen lassen. Fast alle Protteser Haushalte hatten zu dieser Zeit noch eigenes Vieh, vor allem zur Deckung des Eigenbedarfs. Die Hausschlachtung der Schweine, die nur im Winter stattfand, ging so vor sich: Das Schwein wurde von einem Bekannten, der Fleischhauer gelernt hat, geschlachtet. Anschließend ist alles, was zum Verwursten war, verarbeitet worden. Den Rest haben wir mittels Einsuren (einlegen des Fleisches in Salzlake) und anschließendem Räuchern (nach 3 Wochen) haltbar gemacht. Es gab drei „Selcher“ in Prottes, die das für die Bewohner gemacht haben. Eine weitere Möglichkeit der Konservierung war das „Eingießen in Schmalz“. Dazu wurde ein fertiger Braten mit Schmalz zugegossen und somit luftdicht abgeschlossen. Das erhöhte die Haltbarkeit des Schweinsbratens auf bis zu drei Wochen. Unseren ersten Kühlschrank der Marke Bosch haben wir um die 50er/60er-Jahrwende angeschafft. Das erleichterte die Vorratshaltung ungemein. Vorher wurden die Lebensmittel im Keller gelagert. Mitte der 60er Jahre gab es im Gemeindeamt die Möglichkeit, ein Tiefkühlabteil in einer Gemeinschaftskühlanlage anzumieten. Insgesamt gab es in Prottes vier Plätze wo solche Tiefkühlmöglichkeiten untergebracht waren.

Karl sen. erzählt weiter:

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m Jahr 1956 konnte ich unseren ersten Traktor anschaffen. Es war ein 15 PS-starker Steyr. Damals gab es in Prottes nicht viele Traktoren. Die großen Bauern hatten schon welche. Es war üblich, dass diese Landwirte den Nebenerwerbsbauern gegen Bezahlung die notwendigen Fahrten erledigten.
Bis Ende der 60er Jahre haben wir unsere Weintrauben mit der aus der Mitte des 19. Jhdts stammenden Baumpresse gepresst. Dieser Pressvorgang war sehr mühsam und hat sehr lange gedauert. Deshalb schafften wir uns eine Horizontalpresse an – eine große Ausgabe, doch erleichterte sie die Kellerarbeit sehr.

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Um 1968: Karl sen. mit Tochter Irmgard und der alten Baumpresse
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2011 – die Horizontalpresse ist noch immer in Betrieb
2012-Tankpresse Wottle 3000 Weinbau Schabel
2012 – die neue Tankpresse
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rüher haben wir den Wein nicht filtriert sondern zwei Mal vom Fass abgezogen. So wurde er rein und konnte dann mit einem Schlauch in die „Doppler“ gefüllt werden. Die Frage den Wein in Literflaschen oder Bouteillen abzufüllen, hat sich für uns kleine Nebenerwerbsbauern gar nicht gestellt. Nur die größeren Weinbauern benutzten bereits Filtergeräte und haben ihre Flaschen etikettiert.

Und noch etwas hatten die Nebenerwerbsweinbauer gemeinsam: Die meisten haben „Wein über die Gasse“ angeboten. Einige Jahre später haben wir einen kleinen Raum zum Ausschenken eingerichtet, den wir sehr lange – bis Ende der 90er Jahre in Betrieb hatten.

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is zum Staatsvertrag 1955 war die Erdöl- und Erdgasgewinnung im Besitz der sowjetischen Besatzungsmacht, die zur Erdölnutzung die “Sowjetische Mineralöl-Verwaltung” (SMV) gründete. Der Bohrbetrieb war in Prottes angesiedelt. Nach dem Staatsvertrag wurde die staatliche Österreichische Mineralölverwaltung AG (ÖMV) gegründet.

Langsam, mit diesen SMV-Arbeitsplätzen, begann der Wirtschaftsaufschwung in unserer Region.
Die vielen Arbeiter bescherten den Gemeinden und Geschäften schöne Einnahmen. In unserem kleinen Ausschankraum bewirteten wir fast ausschließlich die Erdölfeldarbeiter. Sie verbrachten ihre Pausen bei uns, brachten ihr Essen mit und tranken einen G’spritzten von uns und manchmal kam auch ein Zwiebelschmalzbrot dazu.

Stalinec-OMV
1955 - Stalinec OMV

Weinlese um 1960:

vorne links: Wohlmuth Margarete
am Fahrersitz: Schabel Karl
links am Kotflügel: Demmer Friedrich
am Anhänger (von links): Demmer Maria, Demmer Irmgard, Helm Johanna, Schabel Leopoldine
stehend dahinter (von links): Kunrath Wetti , Koch Resi, Demmer Richard u. Johann, Kunrath Othmar, Koch Rudi

Weinlese-1960
Karl Schabel sen., auf seinem ersten Steyr Traktor vor unserem Presshaus im Kellerviertel Klein-Prottes

Bis 1961 waren unsere Weingärten Stockkulturen. Das war viel mühsamer und arbeitsaufwändiger als mit den heutigen Hochkulturweingärten. Stockkulturen sind nur händisch zu bearbeiten.

1962 konnten sich Poldi und ich über die Geburt unserer Tochter Maria freuen.

Stockkultur1
Stockkultur
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m Jahre 1968 als ich gerade zur Kur in Bad Schallerbach war, ereigneten sich gleich zwei Katastrophen.
Eines betraf unseren Weingarten und das andere war ein Hochwasser, das die ganze Ortschaft heimsuchte.

Kurz vor der Weinlese kam es zu einem Zwischenfall. Neben unserem Weingarten war eine Ölsonde, die gerade behandelt wurde. Durch ein Missgeschick bei den Arbeiten spritzte Öl aus dem Sondenloch auf die umliegenden Weingärten. Der größte Teil unserer Ernte wurde mit Öl verunreinigt, was einen großen Verlust für uns darstellte. Der Schaden wurde zwar geschätzt und nach dem handelsüblichen Weintraubenpreis ersetzt aber beim Heurigen hätten wir einerseits viel mehr erwirtschaftet und andererseits mussten wir Weintrauben zukaufen, da wir den Wein für unseren Ausschank brauchten. Außerdem tat mir das Herz weh, als wir die Weintrauben abschnitten und zu Boden fallen ließen.

Unwetter-1968
1968 - Unwetter und Hochwasser zerstören die Ortschaft und Weingärten

1969 kam unser Sohn Karl zur Welt.

1973 grassierte in der Umgebung die Maul- und Klauenseuche. Viele unserer Heurigengäste kamen aus Ortschaften, die von der Seuche heimgesucht waren. Damit drohte die Gefahr, dass die Seuche auch auf unser Vieh und in der Folge auf ganz Prottes verschleppt wurde. Deshalb sperrten wir den Heurigen für einige Monate zu. Einige Stammgäste wollten das nicht wahrhaben und standen vor dem verschlossenen Tor. Doch wir blieben bei unserem Entschluss und ließen sie nicht ins Haus. Bald hatten jene, die den Wein benötigten, eine kreative Lösung: Sie reichten Flaschen übers Tor, die wir mit Wein befüllten.

Nach wie vor schenkten wir nur tagsüber in der kleinen „Heurigenkammer“ aus und noch immer war der Großteil unserer Gäste OMV-Arbeiter.

1973 kehrte ich den ÖBB den Rücken und wechselte in den Ruhestand, was für mich nicht wirklich „Ruhe“ bedeutete, denn mein Leben war immer von Arbeit bestimmt. Von nun an konnte ich mich intensiver um die Weingärten und die Heurigengäste kümmern. Unseren alten Stall baute ich zum Buschenschanklokal um und erstmals hatten wir für ein paar Wochen im Jahr „wirklich“ ausgesteckt.

Nachdem die Protteser OMV-Betriebe in den 90er Jahren aufgelassen wurden, meinten Poldi und ich, dass das auch für uns ein Zeichen zum Aufhören sei, denn jünger wurden wir beide nicht. Doch mein Sohn Karl hat die Liebe zum Wein übernommen. Neben seinem Beruf als Versicherungskaufmann hat er mir immer gerne im Weingarten und bei der Kellerarbeit geholfen. Mit viel Gespür für den Wein und dem nachträglich in der Weinbauschule Mistelbach angeeignetem Wissen, stellt er hervorragende Weine her. Darauf bin ich sehr stolz. Und somit haben wir nicht aufgehört sondern den Buschenschankbetrieb intensiviert.

Die Qualität der Weine gab den Ausschlag und ich habe mir gedacht, solange ich den Buben unterstützen kann, mache ich es gerne. Mittlerweile hat sich meine Hilfe zwar auf die Begrüßung und Gästeunterhaltung reduziert, was ich mit großem Vergnügen mache – hoffentlich noch ein paar Jahre lang.

Epilog

Drei Tage vor seinem 97. Geburtstag hat sich unser lieber Vater wie jeden Tag am Abend von den Heurigengästen verabschiedet. Dann ist er zu Bett gegangen und ist am nächsten Tag für immer eingeschlafen. Mit ihm haben wir einen ganz besonderen, im Herzen zutiefst zufriedenen Menschen verloren, der sich über jeden Tag freute, der ihm geschenkt war. Er wird uns immer ein Vorbild sein.

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